Wie kann ich Ehrenamtliche und Geflüchtete bei ihrer Patenschaft unterstützen?

Feste AnsprechpartnerInnen, ein konstruktiver Umgang mit Konflikten, Austauschformate, Fortbildungen aber auch Aufwandsentschädigungen und  Maßnahmen zur Anerkennung und eine Versicherung der Engagierten wirken sich unterstützend auf Patenschaften aus.

Inge begleitet eine syrische Familie als Patin, die mit vielen Anliegen zu ihr kommen: Welche Schule sollen wir für die Kinder wählen? Wie bekommen wir einen Sprachkurs? Oder: Wir müssen unbedingt aus der Unterkunft raus! Inge organisiert und hilft – aber langsam geht ihr die Luft aus. Im Gespräch mit der Projektleitung klärt sie, inwieweit sie sich zukünftig engagieren möchte. Auch in der kollegialen Beratung mit anderen PatInnen erhält sie praktische Tipps, wie man freundlich und klar „Nein“ sagen kann.

Eine Patenschaft ist eine sehr intensive Form des Engagements. Eine gute Begleitung ist dabei wie ein stabiles Geländer, es stützt das Engagement, vor allem in Phasen, in denen es auf und ab geht.
Ziel ist es dabei, dass Ehrenamtliche ihr Engagement zufrieden und mit ihrem Alltag gut vereinbar erleben. Beide Seiten sollten die Begegnung als gewinnbringend empfinden und sich wohl fühlen.

Bei Fragen und Problemen sollte sowohl den PatInnen als auch den Geflüchteten ein/e AnsprechpartnerIn zur Seite stehen. Können Konflikte und Grenzüberschreitungen offen angesprochen und geklärt werden, trägt dies zudem zur Sicherheit in Patenschaften bei.  



Wie wichtig ist mir Pünktlichkeit? Welche Rolle sollten Mann und Frau einnehmen? Wie stehe ich zu Homosexualität? Welche Werte sind mir bei der Erziehung von Kindern am Wichtigsten? - All diese Fragen können von den Tandempartnerinnen und -partnern unterschiedlich beantwortet werden. Die Antworten sind beeinflusst durch die familiäre Erziehung, das private und berufliche Umfeld und die eigene Persönlichkeit.  Auch kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Prägungen spielen dabei eine Rolle.

Je mehr die TandempartnerInnen über ihre Prägungen und Haltungen wissen, desto einfacher ist es, einander zu verstehen. Vielfach ist die Erinnerung der Geflüchteten an Familie und Zuhause aber auch durch traumatische Erlebnisse belastet. Daher sollten PatInnen ihre TandempartnerInnen nicht drängen, von sich, ihrer Familie und ihrem Herkunftsland zu erzählen.

Anti Bias, Länderabende und Kontaktflüchtlinge

Für die Ehrenamtlichen ist es für die interkulturelle Begegnung mit ihrem Tandempartner oder  ihrer Tandempartnerin hilfreich, sich zunächst der eigenen Werte, Prägungen, Privilegien und Vorurteile bewusst zu werden. Hierfür bietet der methodische Ansatz „Anti Bias“ („bias“ = engl. für „Schieflage“) vielfältige Übungen für Gruppen an. Eine Beschreibung der Methode sowie einige exemplarische Übungen finden Sie in der Broschüre "Woher komme ich?"

Der Wunsch nach Augenhöhe in der Begegnung zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten ist Ziel der meisten Patenprojekte. Eine fragende, selbstreflektierte Grundhaltung ist hier von Vorteil. Hilfreiche Denkanstöße bietet dazu das Reflexionsvideo „Unterstützungsarbeit – Auf Augenhöhe mit Geflüchteten?!“  des Netzwerk Rassismuskritische Migrationspädagogik Baden-Württemberg.

Wissen über das Leben und die aktuelle politische Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten kann hilfreich sein, Verständnis füreinander zu entwickeln. Einige Patenprojekte veranstalten daher länderspezifische Themenabende (siehe Praxisbericht unten über einen afghanischen Abend).

Unterstützend ist die Arbeit mit Kontaktflüchtlingen“ (siehe Kapitel Projektmanagement), die als Mittler zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten helfen, die unterschiedlichen „kulturellen Codes“ zu entschlüsseln und bei Missverständnissen zu vermitteln.

Das Hamburger Aktivoli Landesnetzwerk informiert auf seiner Website über Fortbildungen zum Themenkomplex „Interkulturelle Kompetenz“. Zudem kann ein monatlich erscheinender Flyer „Fortbildungen für freiwillig Engagierter in der Flüchtlingsarbeit“ runter geladen werden.


Erlebnisse während des Krieges und der Flucht führen bei rund der Hälfte der Betroffenen zu Traumatisierung. Die Bundespsychotherapeutenkammer gibt mit ihrem Ratgeber für Flüchtlingshelfer einen guten Überblick, wie FlüchtlingshelferInnen und somit auch PatInnen sinnvoll Unterstützung leisten können, wenn sie mit traumatisierten Menschen in Kontakt sind.

Anne Neumann-Holbeck von der Flüchtlingsambulanz des Universitätsklinikums Eppendorf erläutert im folgenden Interview, wie PatInnen Traumata erkennen und Betroffene unterstützen können.

 


Aufwandsentschädigungen und Versicherungen sind unterstützende Maßnahmen in der Begleitung der Engagierten. Weitere Infos dazu finden Sie in Kapitel  Versicherung und Aufwandsentschädigungen.


Ehrenamtliche bringen viel Zeit und Energie in die Patenschaften ein. Würdigen Sie dieses Engagement und geben Sie Ihren PatInnen positives Feedback!

Schon persönliches Nachfragen trägt dazu bei, dass sich Ehrenamtliche gesehen fühlen. Bei der Planung von Dankeschön-Aktionen sollten Sie die Interessen ihrer Engagierten im Blick behalten:  Bei manchen ist ein gemeinsamer Kochabend passender als ein Besuch einer Bowlingbahn; einige Ehrenamtlichen legen Wert auf persönliche Geburtstagskarten, für andere (vor allem jüngere PatInnen)  ist der schriftliche Nachweis für Bewerbungszwecke wichtiger.

Hier finden Sie eine Ideenliste zur Würdigung von Ehrenamtlichen:


Sprachbarrieren, kulturelle Missverständnisse, traumatische Belastungen, überhöhte Erwartungen oder schlicht Zeitmangel können sich negativ auf die Patenbeziehung auswirken.
Die Befragung von über 1.000 PatInnen im Rahmen der Wirkungsanalyse des Patenschaftsprogramms im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ zeigt folgende Herausforderungen in den Patenschaften:

Abbildung 29: Herausforderungen in der Patenschaft, in Prozent

Quelle: Online-Befragung der Patinnen und Paten im Patenschaftsprogramm 2017, Auswahl: Befragte, die Herausforderungen in ihrer Patenschaft sehen (N = 1.069), aus: Wirkungsanalyse des Patenschaftsprogramms im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ (2017), Studie der Prognos AG für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Link zur Studie

Bei Unstimmigkeiten und Konflikten in Patenschaften ist es wichtig, dass Sie als Koordination eine vermittelnde Rolle einnehmen. Versuchen Sie, mit beiden Parteien in Kontakt zu kommen und bieten sie ggf. ein gemeinsames Gespräch an. Menschen reagieren unterschiedlich auf Konflikte; ein offener Umgang kann nicht vorausgesetzt werden. Nicht selten ist das Fernbleiben von Verabredungen auch ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Bieten Sie daher immer Gesprächsanlässe und machen Sie deutlich, dass Konflikte für Sie dazu gehören und Sie es unterstützen, wenn beide Seiten ihre Wünsche für die Patenschaft offen äußern.

Sollten keine Lösung möglich sein, ist ein Abbruch der Patenschaft notwendig. Vielfach hilft es den Ehrenamtlichen und Geflüchteten, wenn die Beendigung von Seiten der Koordination vorgeschlagen wird. Auch in Fällen, in denen nur eine Partei die Patenschaft beenden will, ist es hilfreich, wenn Sie das Ende begleiten, sodass beide Parteien mit einem guten Gefühl aus der Patenschaft gehen. 

In wenigen Fällen ist es notwendig, dass Sie Patenschaften von Ihrer Seite aus beenden, z.B. wenn Teilnehmende die Regeln des Projekts nicht einhalten und es zu Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch kommt. (s. auch Interventionsablauf von Amyna e.V.)

Auch Überforderungen im Rahmen des Ehrenamts können zu Krisen führen. Daher ist wichtig, Ehrenamtliche in ihren Selbstschutzfähigkeiten zu unterstützen. Die Broschüre „Damit helfen wieder gut tut“  der Diakonie gibt hierfür weiterführende Anleitungen für EhrenamtskoordinatorInnen. 


Ob bei Familienpatenschaften oder auch bei der Begleitung von unter 18-Jährigen: Schon zu Beginn muss das Einverständnis der Eltern oder Vormünder für die Patenschaft eingeholt und das Vertrauen für eine Projektteilnahme eingeworben werden. Aber auch während der Patenschaft ist es wichtig, die Eltern einzubeziehen und für besondere Unternehmungen (z.B. Schwimmen) ihr Einverständnis einzuholen. Einige Wohnunterkunftsträger sehen hierzu konkrete Haftungsbescheinigungen für einzelne oder regelmäßige Unternehmungen vor.
Hier finden Sie Vorlagen dazu von dem Wohnunterkunftsbetreiber „fördern & wohnen“

Wird die Patenschaft über die Schule vermittelt, sind die Ehrenamtlichen und die Organisation weiter entfernt von den Eltern. Vielfach läuft der Kontakt hier nur über die Patin und den Paten oder bei einem gemeinsamen Fest für alle Projektteilnehmenden. Die Eltern werden lediglich über Beginn und Ende der Patenschaft von der Organisation schriftlich informiert.

Bei Familienpatenschaften und bei Patenschaften mit unter 18-Jährigen, die über die Wohnunterkunft angesprochen werden, ist der Kontakt in der Regel intensiver. Eine enge Abstimmung mit den Eltern respektiert ihre Rolle als Erziehungsberechtigte und schafft Vertrauen.


Leider zeigt die Praxis, dass sich einzelne Freiwillige aufgrund ihres Engagements für Geflüchtete in ihrer Verwandtschaft, ihrem Bekanntenkreis oder in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen oder gar angefeindet werden. Sie sehen sich mit fremdenfeindlichen Vorurteilen konfrontiert und müssen sich mit Aussagen auseinandersetzen,  die die Geflüchteten als Gefahr für unsere Gesellschaft hochstilisieren.

Im Internet lassen sich einige Argumentationshilfen finden, die für die Freiwilligen in solchen Auseinandersetzungen unterstützend sein können. Die Broschüre „Pro Menschenrechte. Contra Vorurteile." ist nur ein Beispiel.

Werden Ihre Organisation oder einzelne Freiwillige und Geflüchtete Ihres Projekts massiv von ausländerfeindlichen, rechtsradikalen Gruppen bedroht oder befürchten Sie eine solches Szenario, dann finden Sie in dem Ratgeber „Im Fokus von Neonazis – Rechte Einschüchterungsversuche auf der Straße - zu Hause und im Büro - bei Veranstaltungen - im Internet“  des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt [VBRG] e.V. wichtige Handlungsempfehlungen. Auf der Homepage des VBRG finden Sie zudem eine Auflistung der regionalen Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

In dem Webinar des Projekts "Open Transfer" der Stiftung Bürgermut gibt Simone Rafael praktische Tipps zum "Umgang mit Hate Speech":