Interview mit Anne Neumann-Holbeck

AnneNeumannAnne Neumann-Holbeck, Klinische Psychologin M.Sc., Flüchtlingsambulanz, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Wie kann ich als Pate am besten bei Traumatisierung meines Tandempartners unterstützen?

Frau Neumann Holbeck, sie arbeiten bei der Flüchtlingsambulanz der Universitätsklinikums Eppendorf. Was heißt überhaupt Traumatisierung?
Eine Traumatisierung ist die Folge eines traumatische Erlebnisses, das die Belastungsgrenzen eines Menschen übersteigt. Dadurch kann das Gehirn dieses Erlebnis nicht richtig verarbeiten und integrieren. Es gibt mehrere Definitionen für den Begriff Trauma, zwei sollen hier genannt werden. Für die WHO bedeutet ein Trauma, einem „belastenden Ereignis oder einer Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß ausgesetzt zu sein, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung auslösen würde“ (ICD-10; F43.1). Fischer und Riedesser (2009) definieren ein Trauma als „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“. Eine Einteilung von Trauma-Typen unterscheidet zwischen „einmaligen“ oder „mehrfachen“ Erlebnissen sowie zwischen „zufälligen“ oder „von Menschen gemachten“ traumatischen Erlebnissen (Maercker, 2009), die einer Traumatisierung vorausgehen. Oft waren Geflüchtete „mehrfach“ und „von Menschen verursachten“, traumatischen Ereignissen ausgesetzt und sind damit besonders schwer traumatisiert und anfällig dafür, Traumafolgestörungen zu entwickeln. Diese können wiederum als Folge einer Traumatisierung entstehen, es entwickelt jedoch nicht jeder Traumatisierte eine Traumafolgestörung.

Wie erkenne ich als Pate, ob man Tandempartner traumatisiert ist?
Ein traumatisches Erlebnis führt nicht automatisch dazu, dass jemand langfristige Traumafolgestörungen entwickelt. Das Zusammenwirken von mehreren Faktoren bedingt, ob jemand das Erlebte verarbeiten und integrieren kann. Einige Menschen, die bedrohliche und überwältigende Ereignisse erleben, verarbeiten sie relativ gut. Es ist normal, wenn Betroffene kurz nach dem Ereignis Flashbacks und Alpträume haben, da das Gehirn Zeit braucht, um die Erlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten. Wenn Symptome allerdings bleiben, ist es möglich, dass sich eine sogenannte Traumafolgestörung entwickelt. Als häufigste Traumafolge ist die Posttraumatische Belastungsstörung bekannt, die sich aus mehrere Symptomen sowie zeitlichen Kriterien zusammensetzt. Sie ist allerdings nicht die einzige. Langfristige Anzeichen für eine Traumafolgestörung können zum Beispiel anhaltende Alpträume und Schlafstörungen, häufige ungewollte Erinnerungen an das Ereignis, Übererregtheit, die Abnahme an Konzentrationsfähigkeit oder auch eine Zunahme des Tabak-, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsums sein. Eine Traumatisierung kann sich auf alle Lebensbereiche auswirken, achten Sie deshalb auch darauf, ob ihr Tandempartner seinen Alltag noch meistern kann, ob er sich stark zurück zieht oder Sie Veränderungen in der Schule mitbekommen.

Wenn eine Traumatisierung festgestellt wurde -  wie kann ich als Pate am besten unterstützen?
Wenn bei Ihrem Tandempartner durch die Traumatisierung eine Traumafolgestörung festgestellt wurde, sollte eine professionelle Therapie der nächste Schritt sein. Abhängig von Ihrer Beziehung zueinander können Sie ihn dabei unterstützen, einen geeigneten Therapeuten zu finden.

Ein Betroffener lernt während einer Therapie, sowohl innere als auch äußere Sicherheit wieder auf zu bauen. Eine wieder hergestellte äußere Sicherheit ist Grundvoraussetzung für eine vollständige Integration traumatischer Erfahrungen. Deshalb ist ein stabiles Netzwerk sicherer sozialer Beziehungen eine wertvolle Ressource. Sie helfen Ihrem Gegenüber also, wenn Sie ihm einen Teil der äußeren Sicherheit anbieten, indem Sie ihm einen sicheren Raum sowie Kontinuität geben. Treffen Sie sich beispielsweise regelmäßig an einem Ort, an dem sich Ihr Tandempartner wohl fühlt. Strukturelle Klarheit ist ebenso wichtig. Sprechen Sie Regeln wie zeitliche Strukturen oder Zuständigkeiten ab. Denken Sie aber auch an Ihre eigenen Grenzen. Sie können für jemand anderen nur eine Stütze sein, wenn Sie selbst mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Ziel ist es, einen sicheren und verständnisvoll unterstützenden Rahmen unter Berücksichtigung Ihrer individuell gegebenen Möglichkeiten und Ressourcen herzustellen.

In vielen Kulturen teilt man Gefühle nicht miteinander, sondern behält sie für sich, um andere nicht zu belasten. Seien Sie behutsam und stellen Sie Ihren Tandempartner nicht bloß, indem Sie ihn direkt ansprechen oder nachbohren, sondern stellen Sie offene Fragen und geben Sie zu verstehen, dass sie ehrlich interessiert sind. Richten Sie Ihre Fragen eher auf die Gegenwart und Zukunft und nicht auf die Vergangenheit. Scheuen Sie nicht, sich bei spezialisierten Anlaufstellen Rat zu holen und sich mit Therapeuten auszutauschen.