Interkulturelle Sensibilisierung und Anti-Bias

Wie wichtig ist mir Pünktlichkeit? Welche Rolle sollten Mann und Frau einnehmen? Wie stehe ich zu Homosexualität? Welche Werte sind mir bei der Erziehung von Kindern am Wichtigsten? - All diese Fragen können von den Tandempartnerinnen und -partnern unterschiedlich beantwortet werden. Die Antworten sind beeinflusst durch die familiäre Erziehung, das private und berufliche Umfeld und die eigene Persönlichkeit.  Auch kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Prägungen spielen dabei eine Rolle.

Je mehr die TandempartnerInnen über ihre Prägungen und Haltungen wissen, desto einfacher ist es, einander zu verstehen. Vielfach ist die Erinnerung der Geflüchteten an Familie und Zuhause aber auch durch traumatische Erlebnisse belastet. Daher sollten PatInnen ihre TandempartnerInnen nicht drängen, von sich, ihrer Familie und ihrem Herkunftsland zu erzählen.

Anti Bias, Länderabende und Kontaktflüchtlinge

Für die Ehrenamtlichen ist es für die interkulturelle Begegnung mit ihrem Tandempartner oder  ihrer Tandempartnerin hilfreich, sich zunächst der eigenen Werte, Prägungen, Privilegien und Vorurteile bewusst zu werden. Hierfür bietet der methodische Ansatz „Anti Bias“ („bias“ = engl. für „Schieflage“) vielfältige Übungen für Gruppen an. Eine Beschreibung der Methode sowie einige exemplarische Übungen finden Sie in der Broschüre "Woher komme ich?"

Der Wunsch nach Augenhöhe in der Begegnung zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten ist Ziel der meisten Patenprojekte. Eine fragende, selbstreflektierte Grundhaltung ist hier von Vorteil. Hilfreiche Denkanstöße bietet dazu das Reflexionsvideo „Unterstützungsarbeit – Auf Augenhöhe mit Geflüchteten?!“  des Netzwerk Rassismuskritische Migrationspädagogik Baden-Württemberg.

Wissen über das Leben und die aktuelle politische Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten kann hilfreich sein, Verständnis füreinander zu entwickeln. Einige Patenprojekte veranstalten daher länderspezifische Themenabende (siehe Praxisbericht unten über einen afghanischen Abend).

Unterstützend ist die Arbeit mit Kontaktflüchtlingen“ (siehe Kapitel Projektmanagement), die als Mittler zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten helfen, die unterschiedlichen „kulturellen Codes“ zu entschlüsseln und bei Missverständnissen zu vermitteln.

Das Hamburger Aktivoli Landesnetzwerk informiert auf seiner Website über Fortbildungen zum Themenkomplex „Interkulturelle Kompetenz“. Zudem kann ein monatlich erscheinender Flyer „Fortbildungen für freiwillig Engagierter in der Flüchtlingsarbeit“ runter geladen werden.

Afghanischer Abend im Projekt connect

„Das Patenprojekt Connect von basis und woge e.V. bringt junge, volljährige Menschen, die ohne Familie nach Deutschland geflohen sind mit ehrenamtlichem Paten zusammen. Ein Verhaltenscodex ist, dass die Paten nicht nach der Fluchtgeschichte fragen dürfen. Fragen wie „Was ist denn da in Deinem Land passiert?“ sind zunächst tabu. Damit die Paten trotzdem ihre Fragen beantwortet bekommen, wurde ein „Afghanischer Abend“ für die Paten veranstaltet, zu der eine erfahrene Referentin zum Thema Afghanistan eingeladen wurde.

Zu Beginn des Abends gab es warmes afghanisches Essen und zur Veranschaulichung lag eine große afghanische Karte aus und der Tisch war mit typischen afghanischen Utensilien geschmückt (Gemüsesorten, Seifen, Schmuck…). Nach dem Essen konnten alle Paten ihre Fragen auf eine Karte schreiben: „Wie ist die aktuelle Situation in Afghanistan?“, „Darf ich meinen Mentee umarmen oder darf man das als Frau nicht?“, u.v.m.. Die Referentin berichtete über die aktuelle Situation und das Leben in Afghanistan, die Hintergründe der Flucht und ging auf die Fragen der Paten ein. Zusätzlich berichtete eine Frau, die in Afghanistan aufgewachsen ist und vor 30 Jahren nach Deutschland geflohen ist, von ihrer Kindheit und jährlichen Besuchen in Afghanistan.

Es war ein sehr schöner und bewegter Abend. Die Paten hatten einen Raum, in dem ihre Fragen befriedigend beantwortet werden konnten. Einige sagten, sie würden jetzt auch einiges besser verstehen, warum ihr Mentee sich in einigen Situationen anders verhält als sie erwarten würden. Sie erfuhren, dass die jungen Menschen auch mit einem gewissen Auftrag ihrer Familie hier sind, der zum Teil sehr auf den Schultern der jungen Menschen lastet. Am Ende  gab es einen regen, hilfreichen Austausch unter den Paten. Weitere Länderabende sind angedacht.“ (Bettina Sobczak, Projektkoordinatorin, basis und woge e.V.)