Verhaltenscodex

Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie gehe ich in einem Konflikt vor? Sind Geschenke erlaubt? Spielregeln in Patenschaftsprojekten, die sogenannten „Do’s and „Don’ts“, führen zu einem klarerem Umgang der Tandems miteinander und helfen, Missverständnissen vorzubeugen. 

Ein Verhaltenscodex ist zudem ein Instrument des Präventionsschutzes  (s. Kapitel Projektmanagement) vor Grenzüberschreitungen, Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. Dies ist bei der Arbeit mit geflüchteten Menschen besonders wichtig, da sie sich in einer sehr ungeschützten Situation befinden. Patenprojekte mit Minderjährigen verwenden daher auch Schutzvereinbarungen. Je deutlicher Regeln, Ansprechpartner und Verfahren für den Konfliktfall benannt sind, desto einfacher ist es, sich Hilfe zu holen, falls individuelle Grenzen überschritten werden. In der Box finden Sie dazu Praxisvorlagen zu Schutzvereinbarungen, für einen Verhaltenscodex, einen Code of Conduct und einen Interventionsablauf.

Eine Übersetzung in die jeweilige Sprache der Geflüchteten ist in der Regel notwendig. Einige Projekte setzen dabei auf (ehrenamtliche) Dolmetscher und erarbeiten Handouts in verschiedenen Sprachen.

 

Workshopübungen für Tandems zum Thema Nähe und Distanz in der Patenschaft:

Typ: 
Übung zum Verhaltenscodex

Gruppengröße:   
für 6-20 Personen

Dauer:           
ca. 10-20 min.

Material:           
-

Ziel: Ein gemeinsames Verständnis im Projekt von akzeptablem und nicht akzeptablem Verhalten innerhalb der Patenschaft entwickeln. Diskussion über die Frage, was ist eine Grenzüberschreitung und was ist sogar strafrechtlich relevant? - Nutzbar für Patinnen/Paten und Geflüchtete gemeinsam oder auch einzeln.

Aufgabenstellung (Bsp. für Patenschaften zwischen Erwachsenen):

Alle Teilnehmenden werden gebeten sich auf einer unsichtbaren Linie im Raum aufzustellen und  sich zu den einzelnen Fragen zwischen „akzeptabel“ und „nicht akzeptabel“ zu positionieren. Im Anschluss an die Fragen sollte von der Moderation die Haltung von Projektseite aus eindeutig benannt werden und die Definition von Grenzüberschreitungen geklärt werden.

Fragen:

  1. Sabine (21) übernimmt die Patenschaft für Mohammad (20). Zum ersten Treffen lädt sie ihn zu sich nach Hause ein.
  2. Amir braucht dringend ein Fahrrad. Patin Elke hat noch eins in der Garage stehen von ihrem Sohn und bringt es ihm zusammen mit einem Fahrradhelm mit.
  3. Es ist spät geworden nach einem Konzert und der Weg zur Unterkunft ist weit. Pate Heinrich bietet Houssam (18 Jahre) spontan an, bei ihm zu übernachten.
  4. Massieh braucht dringend Geld für die Operation seiner Mutter. Pate Karsten leiht ihm 300 Euro.
  5. Patin Ria kommt in die Flüchtlingsunterkunft, umarmt ihren Tandempartner zur Begrüßung und gibt ihm im Überschwang einen Kuss auf die Wange.
  6. Pate Dietrich möchte seiner Patenfamilie ausreden, die weiter entfernte Schule für ihre Kinder anzuwählen, da doch eine nahe Schule besser wäre.
  7. Mehrmals hat Patin Suse versucht, ihre Tandempartnerin zu erreichen. Beim nächsten Treffen wartet sie umsonst.
  8. Patin Sarah kommt in die Flüchtlingsunterkunft, wo ihr Tandempartner zusammen mit einer Gruppe von anderen Männern auf dem Hof auf sie wartet. Als sie zusammen losgehen, johlen die anderen ihnen her und rufen „Sexy Sarah“.

Aufgabenstellung (Fragen für PatInnen von Kindern/Jugendlichen):

  1. Dein Patenkind ist traurig. Du nimmst sie/ihn fest in den Arm und tröstest sie/ihn.
  2. Dein Patenkind möchte gerne bei Dir übernachten. Stimmst Du zu?
  3. Dein Patenkind bräuchte dringend einen Computer. Bei Dir steht noch ein alter rum. Du überlegst ihn ihr/ihm zu schenken.
  4. Im Schwimmbad - es ist nur noch einen Einzelkabine frei. Gemeinsam reingehen zum Umziehen?
  5. Du planst einen Urlaub und es ist noch ein Platz frei. Du überlegst, Dein Patenkind einzuladen mitzukommen und könntest auch die Kosten übernehmen.
  6. Du bist mit Deinem Patenkind in der Stadt unterwegs und ihr lauft Hand in Hand.
  7. Dein Patenkind läuft im Winter mit leichten Sommerschuhen rum. Auf Nachfrage sagt er/sie, dass kein Geld mehr für Winterschuhe da ist. Du überlegst ihr/ihm welche zu kaufen.
  8. Dein 11-jähriges Patenkind entdeckt während eines Besuchs bei Dir einen DVD mit einem Actionfilm. Sie/Er bittet Dich, ihn sich mit Dir anzuschauen. Wie reagierst Du?
  9. Dein Patenkind hat Geburtstag. Du möchtest ihr/ihm endlich das ersehnte Smartphone schenken.
  10. Zum Abschied gibt es auch mal einen Kuss auf den Mund.

Typ: 
Rollenklärung / Sensibilisierung zum Thema Grenzen

Gruppengröße:   
für 3-20 Teilnehmer

Dauer:                      
ca. 10-20 min.

Material:           
-

 Ziel: Einführung in das Thema Grenzen erkennen und setzen, in dem sich jeder Teilnehmer Gedanken über seine eigene Grenzsetzung macht. Kurzer Austausch über Ergebnis und Erkenntnisse schaffen, die relevant für die Patenschaft sein könnten. – Nutzbar für Paten.

Aufgabenstellung:

Alle Teilnehmer werden gebeten sich zu überlegen, welcher der Aussagen, die an einer Stellwand angepinnt sind, auf sie zutreffen. Die Aussagen stellen mögliche Situationen in einer Patenschaft dar, die eine Grenze überschreiten könnten. Die Teilnehmer bekommen drei Klebepunkte, die sie an max. drei der Aussagen kleben können. Es müssen keine Punkte geklebt werden und es können auch mehrere bei einer Aussage geklebt werden

Im Anschluss wird zusammen das Ergebnis angeschaut und sich darüber ausgetauscht.

Von den Mitarbeitern erfolgt ein kleines Fazit.

Aussagen:

Meine Grenze ist überschritten, wenn

… der Jugendliche sich antidemokratisch oder rassistisch äußert.

… die Betreuer oder Lehrer mich 2x wöchentlich kontaktieren.

… der Jugendliche mich nach 20 Uhr kontaktiert.

… der Jugendliche mich nach Geld oder materiellen Dingen fragt.

… der Jugendliche zu spät zum Treffen mit mir kommt.

… der Jugendliche sich drei Wochen nicht meldet.

… der Jugendliche zu mir nach Hause kommt.

… der Jugendliche meine Ratschläge nicht annimmt.

… der Jugendliche in meiner Gegenwart raucht oder Alkohol trinkt.

… der Jugendliche mir häufig erzählt, andere Jugendliche hätten viel mehr als er.

… der Jugendliche mich Mama/ Papa nennen möchte.

… der Jugendliche sich mir auf 40/30/20 cm nähert.

 

Entwickelt und zur Verfügung gestellt von dem Projekt „Patenschaften für unbegleitete  minderjährige  Geflüchtete“ vom Kinderschutzbund Hamburg.


Typ: 
Rollenklärung

Gruppengröße:   
für 6-20 Personen, Arbeit in Kleingruppen

Dauer:           
ca. 30 - 45 min. (abhängig von Gruppengröße)

Material:           
Ausdrucke der Fallbeispiele

Ziel: Anhand von Praxisbeispielen eine Reflexion der Rolle als Patin/Pate anregen und Do’s and Don’ts in der Patenschaft im Projekt ansprechen.

Vorbereitung: Die Gruppe wird in Kleingruppen geteilt. Jeder Person erhält ein ausgedrucktes Fallbeispiel.

Aufgabenstellung: Findet Euch in Kleingruppen zusammen. Lest Euer Fallbeispiel den anderen vor und diskutiert gemeinsam, wie ihr in der Situation entscheiden würdet.

Im Anschluss kommen wir im Plenum zusammen. Bitte tragt hier kurz das Problem und Euren Lösungsansatz vor. 

Fallbeispiele

  1. Du kriegst mit, dass ein anderer Pate im Projekt, seiner Patenfamilie Geld leiht und den Kindern immer wieder Dinge mitbringt, wie einen Fahrradhelm, Inlineskates oder Süßigkeiten. Eine andere Patin fragt Dich, was Du davon hältst. Was antwortest Du ihr?
  2. Du bist sauer: Die Mutter Deiner Patenfamilie hat Dich angerufen und gebeten doch bitte gleich vorbei zukommen, sie bräuchte Deine Hilfe. Da es derzeit viele Probleme in der Familie gibt und der Familienvater im Krankenhaus liegt, bist Du der Bitte sofort gefolgt. Als Du – nachdem Du quer durch die Stadt gefahren bist – bei der Mutter ankommst, bittet sie Dich, ihrem Mann Essen ins Krankenhaus zu bringen. Da sie gerade einen kleinen Säugling und die großen Kinder hat, kann sie nicht weg. Du bist enttäuscht und sauer, lässt Dir aber nichts anmerken und bringt das Essen vorbei. Wie gehst Du anschließend mit der Situation um?
  3. Auf einem Patentreffen bekommst Du einen Dialog zwischen einem Tandem mit und der Mentor redet ziemlich auf den Mentee ein, der immer peinlich berührt zur Seite schaut. Das Verhalten gefällt Dir nicht. Wie gehst Du damit um?
  4. Du bist ratlos: Seit Wochen ist Dein Mentee nicht mehr zu bewegen, die Unterkunft zu verlassen und hat wichtige Termine verpasst. Auch Du wurdest mehrmals versetzt. Wie gehst Du damit um?
  5. Eine andere Patin erzählt Dir, dass sie nach einem sexuellen Übergriff in einem Flüchtlingsheim gegenüber dem jüngsten Mädchen der Familie angeboten hatte, bei ihr für kurze Zeit zu wohnen. Nun sei ihr das etwas viel geworden und das Mädchen sei auch wieder im Wohnheim, das Mädchen dusche aber nun immer noch bei, was sie ihr auch weiter anbieten will. Trotzdem merkt sie, dass es nun langsam etwas zuviel für sie wird. Was rätst Du ihr?