Rollenklärung

PatInnen, MentorInnen, WeggefährtInnen, BegleiterInnen und Locals – die Ehrenamtlichen in Tandemprojekten tragen viele Namen. Und auch wenn verschiedene Projekte den gleichen Begriff verwenden, unterscheiden sich die Auffassungen der Rolle zum Teil sehr. Umso wichtiger, vorab zu klären, was im Projekt unter der Rolle als Patin und Pate verstanden wird, welche Haltung ihr zu Grunde liegt und welche gegenseitigen Erwartungen aneinander bestehen. 

PatInnen übernehmen verschiedene Rollen: Sie sind teilweise FreundIn, großer Bruder, große Schwester oder übernehmen fürsorgliche Aufgaben ähnlich von Eltern oder Lehrkräften. Wie Dr. Limor Goldner die hybride Rolle der Patin / des Paten von bekannten Rollen (Eltern, Lehrkräfte, FreundIn, TherapeutIn) unterscheidet, können Sie im Abschnitt "Rollenabgrenzung zu bekannten Rollen" (siehe unten) nachlesen. Bei allem gilt jedoch: Die Selbstbestimmtheit des Tandempartners oder der Tandempartnerin ist die entscheidende Grundlage einer Patenschaft.

Folgende Workshopübungen eignen sich zur Rollenklärung in der Arbeit mit PatInnen (weitere Übungen finden Sie im Kapitel "Einführungsworkshop"):

Typ: 
Rollenklärung

Gruppengröße:   
für 6-20 Personen, Arbeit in Kleingruppen

Dauer:           
ca. 30 - 45 min. (abhängig von Gruppengröße)

Material:           
Ausdrucke der Fallbeispiele

Ziel: Anhand von Praxisbeispielen eine Reflexion der Rolle als Patin/Pate anregen und Do’s and Don’ts in der Patenschaft im Projekt ansprechen.

Vorbereitung: Die Gruppe wird in Kleingruppen geteilt. Jeder Person erhält ein ausgedrucktes Fallbeispiel.

Aufgabenstellung: Findet Euch in Kleingruppen zusammen. Lest Euer Fallbeispiel den anderen vor und diskutiert gemeinsam, wie ihr in der Situation entscheiden würdet.

Im Anschluss kommen wir im Plenum zusammen. Bitte tragt hier kurz das Problem und Euren Lösungsansatz vor. 

Fallbeispiele

  1. Du kriegst mit, dass ein anderer Pate im Projekt, seiner Patenfamilie Geld leiht und den Kindern immer wieder Dinge mitbringt, wie einen Fahrradhelm, Inlineskates oder Süßigkeiten. Eine andere Patin fragt Dich, was Du davon hältst. Was antwortest Du ihr?
  2. Du bist sauer: Die Mutter Deiner Patenfamilie hat Dich angerufen und gebeten doch bitte gleich vorbei zukommen, sie bräuchte Deine Hilfe. Da es derzeit viele Probleme in der Familie gibt und der Familienvater im Krankenhaus liegt, bist Du der Bitte sofort gefolgt. Als Du – nachdem Du quer durch die Stadt gefahren bist – bei der Mutter ankommst, bittet sie Dich, ihrem Mann Essen ins Krankenhaus zu bringen. Da sie gerade einen kleinen Säugling und die großen Kinder hat, kann sie nicht weg. Du bist enttäuscht und sauer, lässt Dir aber nichts anmerken und bringt das Essen vorbei. Wie gehst Du anschließend mit der Situation um?
  3. Auf einem Patentreffen bekommst Du einen Dialog zwischen einem Tandem mit und der Mentor redet ziemlich auf den Mentee ein, der immer peinlich berührt zur Seite schaut. Das Verhalten gefällt Dir nicht. Wie gehst Du damit um?
  4. Du bist ratlos: Seit Wochen ist Dein Mentee nicht mehr zu bewegen, die Unterkunft zu verlassen und hat wichtige Termine verpasst. Auch Du wurdest mehrmals versetzt. Wie gehst Du damit um?
  5. Eine andere Patin erzählt Dir, dass sie nach einem sexuellen Übergriff in einem Flüchtlingsheim gegenüber dem jüngsten Mädchen der Familie angeboten hatte, bei ihr für kurze Zeit zu wohnen. Nun sei ihr das etwas viel geworden und das Mädchen sei auch wieder im Wohnheim, das Mädchen dusche aber nun immer noch bei, was sie ihr auch weiter anbieten will. Trotzdem merkt sie, dass es nun langsam etwas zuviel für sie wird. Was rätst Du ihr?

Typ: 
Rollenklärung und Selbstfürsorge im Ehrenamt

Gruppengröße:   
für 6-20 Personen, Arbeit in Kleingruppen

Dauer: 
ca. 20-45 min

Material:           
Ausdrucke der Plakate bzw. Abmalen auf Flipchart

Ziel: Die Motive für die Übernahme einer Patenschaft reflektieren und zur Selbstfürsorge im Ehrenamt anregen.

Aufgabenstellung:

Unterschiedliche Motivationen führen bei Pate Peter und Patin Pia dazu, dass sie sich für Geflüchtete engagieren. Verschiedene Stimmen in ihnen (die so genannten „inneren Teammitglieder“) sind dafür ausschlaggebend, z.B. das politisch Engagierte Teammitglied von Peter oder das Teammitglied von Pia, das den interkulturellen Kontakt mit den Geflüchteten reizvoll findet. 

In beiden Teams gibt es aber auch Mitglieder, die selbstfürsorgliche Aufgaben für ihr „Oberhaupt“ übernehmen und darauf achten, dass ihre anderen Aufgaben, Interessen und Familien und Freunde nicht zu kurz kommen.

1) Schauen Sie sich Pia und Peter genau an und tauschen Sie sich zu zweit aus: Kommen Ihnen manche Teammitglieder bekannt vor? Oder geben bei Ihnen andere den Ton an, wenn sie sich mit der Frage auseinandersetzen „Wie stark gehe ich in mein Ehrenamt rein“?

 

 

 

 

2) Wie sieht ihr Inneres Team zu der Frage aus „Wer meiner Teammitglieder motiviert mich für mein Engagement als Pate und wer sorgt in mir dafür, dass ich meine Grenzen dabei nicht überschreite?“. Zeichnen Sie es auf und tauschen sie sich dazu zu zweit aus. Folgende Fragen können helfen, Teammitglieder zu finden:

  • Welches Teammitglied meldet sich zuerst / gibt den Ton an?
  • Welches Teammitglied ist immer da?
  • Welches Teammitglied steht eher am Rand?

Achtung: Achten Sie in der Moderation darauf, dass sich alle Teilnehmenden in der Übung wohl fühlen. Sollten Teilnehmende Wiederstand verspüren, sich mit inneren Anteilen zu befassen, drängen sie sie nicht dies zu tun. Die Arbeit mit inneren Anteilen kann in Einzelfällen sehr tiefend wirken und auch unliebsame Teammitglieder aufrufen. In dieser Übung sollte keine psychologische „Tiefung“ vorgenommen, sondern eher der Fokus auf die stärkenden Teammitglieder gelegt werden.

Literaturhinweis:

Friedemann von Schulz von Thun: Miteinander Reden 3.  Das „Innere Team” und situationsgerechte Kommunikation (1998, 25. Auflage)

www.inneres-team.de (Seite von Friedemann von Schulz von Thun)


Typ: 
Rollenklärung

Gruppengröße:   
für 6-20 Personen, Arbeit in Kleingruppen

Dauer:             
ca. 30 - 60 min. (abhängig von Anzahl der Fälle und Nachbesprechung)

Material:           
Ausdrucke der Rollenbeschreibungen

Ziel: Zur Rollenklärung und Entlastung der Patin/des Paten beitragen, indem typische Rollenkonflikte in Patenschaften thematisiert und verschiedene Lösungsweg ausgelotet werden.

Aufgabenstellung: Die Moderation verteilt an Personen, die Lust haben, sich an einem Rollenspiel zu beteiligen, die Rollenprofile. Diese haben dann 3-5 min. Zeit sich in die Rollen einzulesen. Alle Rollenspiele handeln von einem (Rollen-)Konflikt, bzw. verschiedenen Erwartungshaltungen von Patinnen und Paten und Geflüchteten, die nun in einem Gespräch aufeinandertreffen. Nach dem Spiel, werden die Spieler wieder von der „Bühne“ gebeten und aufgefordert „ihren Rollenhut“ wieder abzunehmen.

Folgende Leitfragen bieten sich für die moderierte Auswertung im Plenum an:

  1. An die Spieler: Wie ist es Euch in der Situation ergangen?
  2. An die Gruppe: Worum ging es in der Szene? Um welchen Konflikt hat es sich gehandelt?
  3. Welche anderen Verhaltensweisen wären auch noch denkbar gewesen?
  4. kurzes „Sharing“: Kennt ihr ähnliche Situationen aus Eurer Patenschaft?

Variante: Als eine vertiefende Variante bietet es sich an, zu der Frage „Welche anderen Verhaltenswiesen wären auch noch denkbar gewesen?“ die Methode „Act-storming“ anzuwenden: Hierzu würde man in einen zentralen Moment der eben gespielten Szene erneut ansetzen, und einen der beiden Spiele (z.B. die Patin/den Paten) durch verschiedene Spieler einwechseln, die dann aus dem Mund der Figur gesprochen andere Antwortmöglichkeiten improvisieren. So erhalten die Ehrenamtlichen verschiedene Anregungen für ihr eigenes Verhalten in der Rolle als Patin/Pate.

Rollenprofile:

  • Pünktlichkeit
  • Berufliche Zukunft
  • Hast Du Zeit für uns?
  • Kindererziehung
  • Sei für mich da
  • Nicht weitersagen!

Szenario: Pünktlichkeit – Gabriele

Gabriele (57) und Samira (27) mit ihrer 4-jährigen Tochter Fatima sind um 8:30 Uhr am U-Bahnhof verabredet. Gabriele wollte Samira und Fatima zu einem MRT-Termin begleiten, damit die Gesundheitsprobleme der kleinen Tochter abgeklärt werden können. Gabriele ist um 8:25 Uhr am U-Bahnhof, Samira und Fatima kommen erst um 9:05 Uhr. Damit ist klar, dass ihr 20 Minuten zu spät zum Termin kommt und eventuell umsonst dorthin fahrt.

Du bist Gabriele. Du hast den Termin vor 4 Wochen über persönliche Kontakte bekommen, normalerweise hättet ihr mindestens 3 Monate Wartezeit gehabt. Du hast dir heute vormittag frei genommen, die Fahrtzeit recherchiert, 15 Minuten Puffer eingeplant und Samira erklärt, wie wichtig dieser Termin ist. Außerdem könnte es bis zum nächsten MRT-Termin Monate dauern, du bist um Fatimas Gesundheit sehr besorgt und vor deinem persönlichen Kontakt ist es dir auch peinlich, wenn dieser Termin nun nicht wahrgenommen wird. Entsprechend sauer bist du über Samiras Zuspätkommen…

Szenario: Pünktlichkeit – Samira

Gabriele (57) und Samira (27) mit ihrer 4-jährigen Tochter Fatima sind um 8:30 Uhr am U-Bahnhof verabredet. Gabriele wollte Samira und Fatima zu einem MRT-Termin begleiten, damit die Gesundheitsprobleme der kleinen Tochter abgeklärt werden können. Gabriele ist um 8:25 Uhr am U-Bahnhof, Samira und Fatima kommen erst um 9:05 Uhr. Damit ist klar, dass ihr 20 Minuten zu spät zum Termin kommt und eventuell umsonst dorthin fahrt.

Du bist Samira. In deiner Heimat sind Wege schwer planbar und man weiß nie, wann jemand wirklich am Ziel ankommt. Daher sind Termine dort eher grobe Anhaltspunkte und mit früherer oder späterer Ankunft gehen alle sehr gelassen um – man versucht immer, aus der gegebenen Situation das Beste für alle zu machen. In Ämtern und beim Arzt schiebt man auch mal einen Geldschein über den Tisch, damit man drangenommen wird. Dir ist schon aufgefallen, dass die Deutschen mit Terminen ganz anders umgehen, dir erscheint das zwanghaft und unflexibel. Bei dir war am Morgen Trubel: eine Nachbarin hatte geklingelt und eine Verwandte angerufen, deshalb bist du nicht früher losgekommen. Du kommst mit Fatima entspannt und fröhlich zum Treffpunkt und freust dich, dass Gabriele sich Zeit für euch beide nimmt.

Szenario: Berufliche Zukunft – Frank

Pate Frank (65 Jahre) und Geflüchteter Nadim (19 Jahre, ESA) treffen sich im Cafe. Sie sprechen über die berufliche Zukunft von Nadim.

Du bist Frank und engagierst dich als Pate, weil es dir selbst im Leben ziemlich gut gegangen ist und weil du gern Menschen auf ihrem Lebensweg unterstützen möchtest, die größere Hürden zu überwinden haben.

Deine Gesprächsziele: Dir ist es wichtig, dass Nadim eine Ausbildung macht und sein Arbeitsleben nicht als ungelernter, schlecht bezahlter Arbeiter verbringt. Du willst ihn überzeugen, dass dies der sinnvollere Weg für ihn ist.

Szenario: Berufliche Zukunft – Nadim

Pate Frank (65 Jahre) und Geflüchteter Nadim (19 Jahre, ESA) treffen sich im Cafe. Sie sprechen über die berufliche Zukunft von Nadim.

Du bist Nadim. Deine Großfamilie hatte nicht genug Geld, um als Ganzes das Land zu verlassen. Die Wahl fiel auf dich, alle haben Geld zusammengelegt, damit du nach Europa gehen kannst. Nun möchtest du das Geld zurück zahlen. Außerdem ist deine Mutter krank geworden und soll demnächst in einem Krankenhaus in Indien behandelt werden, auch dafür braucht die Familie Geld.

Deine Gesprächsziele: Du möchtest so schnell wie möglich Geld verdienen, damit du deine Mutter unterstützen und wieder schuldenfrei leben kannst.  Du hoffst auf Franks Unterstützung.

Szenario: Hast du Zeit für uns – Franziska

Tarek (12) hat Probleme in der Schule. Seine Mutter Leyla (34) fragt die Patin Franziska (28), ob sie Zeit hat, in den nächsten Wochen mit ihm für die Klassenarbeit zu lernen und die Hausaufgaben zu betreuen.

Du bist Franziska, 28 Jahre alt. Du studierst, arbeitest und unternimmst seit einem halben Jahr einmal wöchentlich etwas mit Tarek. Der Weg zwischen euch ist nicht sooo kurz und für eine regelmäßige Hausaufgabenbetreuung hast du keine Zeit bzw. müsstest du dein eigenes Leben, deine eigene Woche weitgehend umstellen.

Deine Gesprächsziele: Tarek soll die Unterstützung bekommen, die er braucht, das ist dir sehr wichtig.

Szenario: Hast du Zeit für uns – Leyla

Tarek (12) hat Probleme in der Schule. Seine Mutter Leyla (34) fragt die Patin Franziska (28), ob sie Zeit hat, in den nächsten Wochen mit ihm für die Klassenarbeit zu lernen und die Hausaufgaben zu betreuen.

Du bist Leyla, 34 Jahre alt, 3 Kinder. Du bist noch nicht lange in Deutschland, sprichst noch nicht so gut Deutsch, kennst dich noch nicht wirklich aus, mit dem Geld kommt ihr gerade so klar und dein Sohn Tarek hat nun Schulprobleme. Franziska ist die einzige Person, die du kennst, die Tarek vielleicht unterstützen könnte.

Dein Gesprächsziel: Tarek soll die Unterstützung bekommen, die er braucht, das ist dir sehr wichtig.

Szenario Kindererziehung – Martina

Martina (67) ist zu Besuch bei Lubna (25). Sie trinken Tee, während das Baby (8 Monate) schläft. Die größeren Kinder (2, 4 und 6 Jahre alt) sind im Kindergarten und in der Schule.

Du bist Martina, 67 Jahre, hast 2 erwachsene Kinder und 1 Enkel und bist ehemalige Lehrerin. Dir ist aufgefallen, dass der Fernseher fast durchgehend läuft und dass die Kinder den größten Teil der Zeit zu Hause vor dem Fernseher verbringen. Sie spielen und malen nicht. Die Mutter liest oder spielt auch nicht mit den Kindern und geht mit ihnen auch nicht raus. Du machst dir Gedanken darüber, wie wenig Vorwissen die Kinder in die Schule mitbringen, wenn das so weiter geht.

Deine Gesprächsziele: Du möchtest dafür sorgen, dass die Kinder weniger fernsehen und dafür mehr sinnvollen Beschäftigungen nachgehen.

Szenario Kindererziehung – Lubna 

Martina (67) ist zu Besuch bei Lubna (25). Sie trinken Tee, während das Baby (8 Monate) schläft. Die größeren Kinder (2, 4 und 6 Jahre alt) sind im Kindergarten und in der Schule.

Du bist Lubna, 25 Jahre alt, vier Kinder zwischen 8 Monaten und 6 Jahren. Die Familienarbeit hängt zu mindestens 80% an dir, dein Mann beteiligt sich an Haushalt und Kinderbetreuung fast nicht. Er tauscht vielleicht mal eine Glühbirne aus. Du bist mit den 4 Kindern, dem Haushalt und dem fremden Land seit Monaten am Rande der Erschöpfung.

Deine Gesprächsziele: Bloß nicht noch mehr Arbeit… Und: Martina ist eine wertvolle Unterstützerin deiner Familie, z. B. mit den Formularen, Ämtern, Ärzten und Schulen. Sie ist dir sympathisch, du bist ihr dankbar, wenn sie dir auch manchmal etwas fremd ist mit ihren Werten und ihrem Verhalten. Du möchtest sie auf jeden Fall als Unterstützerin der Familie behalten, du weißt nicht, wie du das ohne sie schaffen solltest.

Szenario: Sei für mich da – Katja

Du bist Katja, 44 Jahre alt. Du bist Mutter zweier Kinder, arbeitest und unternimmst seit einem halben Jahr einmal wöchentlich etwas mit Massieh.

Massieh (19) lebt in einer Sammelunterkunft in Hamburg und hat nach seiner Flucht mit Flashbacks zu tun und kann sich schwer konzentrieren.  Ihr habt inzwischen eine sehr gute, vertraute Ebene aufgebaut und Massieh erzählt in letzter Zeit immer mehr von seinen belastenden Erlebnissen der Flucht.

Zunächst warst Du sehr dankbar für sein Vertrauen, merkst aber mehr und mehr, dass es Dich stark belastet. In letzter Zeit träumst Du sogar von seinen schrecklichen Erzählungen. Dir ist es wichtig für ihn da zu sein, aber Du hast auch gerade andererseits auch selbst einen Haufen persönlicher Themen, viel zu tun bei der Arbeit und auch noch kranke Familienmitglieder, um die Du Dich kümmern musst.

Deine Gesprächsziele: Massieh soll die Unterstützung bekommen, die er braucht, das ist dir sehr wichtig. Aber Du möchtest ihm auch deutlich machen, dass Du nicht immer so viel Zeit hast und auch nicht seine Psychologin bist.

Szenario: Sei für mich da – Massieh

Du bist Massieh, 19 Jahre und kommst aus Afghanistan. Du wohnst in einer Sammelunterkunft und triffst Dich seit einem halben Jahr mit Katja (44).

Nachdem ihr die erste Zeit viel zusammen unternommen habt, hast Du mehr und mehr Vertrauen zu ihr aufgebaut und Du genießt es, dass Sie so ein mütterlicher Typ ist und magst auch ihre Kinder und ihren Mann gern. Manchmal sagst Du aus Scherz, meine deutsche Mama zu ihr. Sie ist für Dich ein wichtiger Anker hier in Hamburg geworden.

Dir tut es gut, mir ihr zu reden und bist froh, ihr auch von Deinen Flashbacks und den Erlebnissen der Flucht, die dich auch oft nicht schlafen lassen, erzählen zu können.

Du freust Dich schon aufs nächste Treffen und willst Katja da bitten, ob ihr euch nicht auch wieder wöchentlich treffen könnt, wie zu Beginn, weil Dir sonst echt auch die Decke auf den Kopf fällt und Du auch mehr Unterstützung beim Deutsch lernen bräuchtest.

Szenario: Nicht weitersagen – Markus

Du bist Markus und bist 63 Jahre und begleitest seit Deiner Rente nun Amir (21) als Pate. Ihr versteht euch sehr gut. Neulich hat Amir Dir in einem Gespräch vertraulich davon berichtet, dass er von einem Mitbewohner in der Unterkunft erpresst wird. Du hast ihm vorher  versprochen, dass Du das für Dich behältst, willst ihn aber überzeugen, dass er sich mit seinem Freund an die Unterkunftsleitung wendet und davon berichtet. Es ist für Dich ein Unding, dass sowas in einer Unterkunft stattfindet und möchtest schnell Abhilfe schaffen. Amir muss das melden! Das möchtest Du beim nächsten Gespräch unbedingt besprechen.

Und was, wenn Amir es nicht tut? Du überlegst, ob Du Dich nicht selbst an die Unterkunft wenden solltest…

Szenario: Nicht weitersagen – Amir

Du bist Amir, 21 Jahre alt und wohnst in einer Sammelunterkunft in Hamburg. Seit geraumer Zeit triffst Du Dich mit Markus, 63 Jahre, der Dich irgendwie fast väterlich unterstützt. Deshalb hast Du ihm auch im Vertrauen erzählt, dass Dich Dein Mitbewohner in der Unterkunft erpresst hat, und Du ihm Geld geben musstest. Markus hat sich sehr aufgeregt darüber und hat Dir geraten, Dich an die Unterkunftsleitung zu wenden. Wenn Du das machst, kannst Du Dich im Heim aber nicht mehr gefahrlos blicken lassen. Du hättest Markus gar nichts erzählen sollen, er scheint nicht zu verstehen.

Du hoffst, dass er das Thema beim nächsten Treffen schon vergessen hat….


Nach: Dr. Limor Goldner: „Es geht darum, mit unterschiedlichen Rollen zu jonglieren“ in Telemachos, Ausgabe 07/März 2017,
kipa-berlin.de - Fachbriefanmeldung 

 

 

Ähnlich Mentor-Mentee-Beziehung

Unähnlich Mentor-Mentee Beziehung

Welche Rollenanteile sind für welchen Mentee besonders geeignet?

Vater/Mutter

  • Paten und Eltern übernehmen oftmals fürsorgliche Aufgaben und fühlen sich verantwortlich
  • oftmals sind Paten/Eltern älter als Mentee
  • Paten/Eltern ermöglichen sichere Bindung
  • in beiden Fällen geht es um Wärme, Fürsorge, Unterstützung und Vertrauen
  • beide wollen die Entwicklung des Mentees fördern (Erwerb von Wissen und Werten genauso wie die Fähigkeit zu lernen, den Aufbau von Selbstwertgefühl und von Kompetenzen)
  • beide arbeiten mit der Technik Vorbild
  • Patenschaften beruhen auf freier, „kündbarer“ Beziehung; Elternschaft biologische, „unaufkündbare“ Beziehung
  • Paten sind keine Erziehungsberechtigten im rechtlichen Sinne
  • bei Elternschaft: stärkere hierarchische Struktur als bei Paten
  • Eltern/Vormünder entscheiden im Sinne ihres Kindes;  Eltern sind erzieherisch tätig, erteilen ggf. auch Verbote
  • Elternschaft konzentriert sich auf viele Ziele im Bezug auf das Kind (bei Paten zum Teil nur bestimmte)
  • für junge Menschen, die korrigierende oder kompensierende Erfahrungen brauchen oder die in der Vergangenheit schädliche oder verletzende (familiäre) Beziehungen erlebt haben
  • für Mentees, die eine sichere Basis benötigen, genauso wie Wärme, Empathie, Spiegelung und Validierung und Role-Modelling
  • Mentees, die mit stressigen Situationen fertig werden müssen

Freund

  • Freundschaft und Patenschaft beinhalten ähnlich großes Repertoire unterstützender Leistungen (Begleitung, Anleitung, Hilfe und dass man seine persönlichen Gefühle offenbaren kann)
  • bei beiden: Anleitung, Information und Rat u.a. durch bzw. bei gemeinsamen Aktivitäten
  • beide stärken das soziale Netzwerk und das Gefühl der Zugehörigkeit; Gefühle von Ablehnung und Einsamkeit reduzieren sich
  • Freundschaft/Patenschaft kann zum Gefühl beitragen, gewertschätzt und gemocht zu werden
  • Freund und Pate können gleichermaßen den  Prozess der Identitätsentwicklung unterstützen und ein festeres, authentisches Selbstwertgefühl fördern
  • Patenschaft ist zunächst in Dauer begrenzt und für (Lebens-)abschnitt angedacht; Freundschaft ohne vorher definiertes Ende
  • in Freundschaft keine hierarchische Struktur (Von Mentoren wird erwartet, dass sie die erwachsene Rolle übernehmen und den Mentee bestärken)
  • Freundschaft ist in der Regel eine wechselseitige Beziehung  ohne spezifische Entwicklungsziele
  • Freundschaft eher zweckfrei (aus Spaß) – in Patenschaft werden auch Ziele verfolgt
  • in Freundschaft herrscht oft das Prinzip der Gegenseitigkeit und Gleichheit (bzgl. Alter, Geschlecht, Schicht und Lebensanschauung); Mentoren und Mentees haben nicht unbedingt den gleichen Blick auf die Welt, ihr sozialer Status unterscheidet sich
  • wichtig für einsame Mentees
  • für solche Kinder und Jugendlichen, die sich in stressigen oder risikoreichen Situationen zurechtfinden müssen, etwa weil sie neu zugewandert sind, zu ethnischen Minderheiten gehören, oder weil ihre Familien belastende Situationen wie Tod oder Krankheit eines Familienmitglieds erleben
  • Mentees, die hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenz Förderung bedürfen (erhöht Resilienz)

Therapeut

  • Mentoren handeln in der Regel intuitiv, dennoch haben Therapeut und Mentor oft gleichermaßen therapeutische Fähigkeiten – Einfühlsamkeit, aktives Zuhören, Empathie und Offenbarung eigener Gefühle, womit sie eine vertrauliche Atmosphäre erzeugen
  • bei beiden handelt es sich um helfende Beziehungen, mit einer fürsorglichen Autoritätsfigur auf der einen und einem 'Klienten' auf der anderen Seite
  • menschliche Verbindung, die darauf ausgerichtet ist, die positive Entwicklung des 'Klienten' zu fördern
  • Empathie, Wärme und Echtheit gewünschte Qualitäten
  • zum Teil bei beiden Konzentration auf emotionale und psychologische Ziele (Verbesserung des Selbstwertgefühls)
  • Mentee/Klient erlebt fürsorgliche Unterstützung, in dem es um seine Bedürfnisse geht
  • Therapeuten sind qualifizierte Fachkräfte, die eine ganz Reihe von Theorien und Techniken beherrschen
  • hierarchische Beziehung
  • Therapie oft nicht wie in Patenschaft mit sozialer Aktivität verbunden, formellerer Rahmen
  • Mentees, die mit stressigen Situationen fertig werden müssen

Lehrkraft

  • Mentor/Lehrkraft sind beide lehrend/vermittelnd tätig
  • ähnlich altehrwürdige Lehr-Modus von Meister und Lehrling, bei der nicht nur die Wissensvermittlung im Vordergrund steht, sondern auch die sozio-emotionale Unterstützung
  • Mentor/Lehrkraft übernehmen gleichermaßen auch fürsorgliche Aufgaben (Zuhören, menschliche Wärme)
  • Lehrer benotet, starke Hierarchisierung; spielt bei Patenschaft keine Rolle
  • Lehrer lehrt i. d. Regel formaler; sind Mentoren in der lehrenden Rolle, zeigen sie Gefühle, spielen sie und sprechen oft über den Lernprozess mit ihren Mentees
  • Lehrer ist für ganze Klasse verantwortlich, Paten i.d.R. für einen Person
  • Lehrer setzt formale Lernstrategien ein; in der Patenschaft dominiert informelles Lernen (im Dialog und Spiel)
  • Lehrer muss Führung und emotionale Beziehung kombinieren
  • Mentees, die Unterstützung bei ihrer schulische oder akademische Leistung benötigen
  • Auch soziale Einstellungen, Motivation, Werte, Überzeugungen und praktische oder kognitive Fähigkeiten lassen sich so fördern
  • Mentees, die Vorbilder benötigen, ihr Bestes zu geben, und sie motivieren, dem guten Beispiel zu folgen

 

Der hybride Mentor: „Mentoren sollten in der Lage sein, sich zwischen diesen Haltungen, die diesen Rollen zugrundeliegen, frei zu bewegen. Sie sollten Praktiken aus mehreren Rollen einsetzen können, um die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mentees zu bedienen.“ (Dr. Limor Goldner)