Welche Ziele werden mit dem Projekt verfolgt?
An wen richtet es sich?

Wie werden die Geflüchteten beteiligt? In welcher Form sollen die Patenschaften gestaltet und koordiniert werden?

Langsam wird es Sarah zu viel: Sie betreut ehrenamtlich eine 5-köpfige Familie. Da sie schon lange dabei ist, kommen viele neue Freiwillige mit ihren Fragen auf sie zu. Sarah sucht sich Rat bei ihrem Team:  Gemeinsam beschließen sie, eine Gruppe aus bereits erfahrenen Ehrenamtlichen zu bilden, die sich um die Vermittlung, Einarbeitung und Begleitung der neuen Paten und Patinnen kümmert.

1:1-Patenschaften und Gruppenpatenschaften
Die am meisten verbreitete Form in Patenprojekten sind 1:1-Patenschaften:  Hier begleitet eine ehrenamtliche Person einen geflüchteten Menschen. Dieses Modell ermöglicht eine besonders persönliche Unterstützung der Geflüchteten und eine intensive Beziehung miteinander.

Darüber hinaus gibt es Gruppenpatenschaften: Hier arbeiten entweder mehrere Ehrenamtliche in einer Gruppe zusammen und unterstützen sich gegenseitig – ein Modell was sich besonders bewährt hat, wenn es sich um Patenschaften von großen Familien mit verschiedenen Bedürfnissen der Familienmitglieder handelt. Oder ein Pate oder eine Patin begleitet mehrere Personen oder eine ganze Familie, wodurch mehr Geflüchtete von einer Patenschaft profitieren können.

Zielgruppen
Patenprojekte mit Geflüchteten lassen sich je nach Zielgruppe unterscheiden:

  • Patenschaften mit erwachsenen Geflüchteten
  • Familienpatenschaften
  • Patenschaften mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF)
  • Patenschaften mit gerade volljährigen Geflüchteten, die ohne Familie in Deutschland eingereist sind
  • Patenschaften mit Schülerinnen und Schülern aus IVK-Klassen (Internationale -Vorbereitungs-Klassen)
  • Patenschaften mit Geflüchteten aus einem bestimmten Herkunftsland (z.B. wenn die Projektorganisation oder einzelne ProjektmitarbeiterInnen selbst einen Bezug zum Herkunftsland haben)

 

Patengruppen, Arbeitsgruppen und Kontaktflüchtlinge
In der Projektpraxis haben sich ganz verschiedene Projektansätze herausgebildet, um beispielsweise die Ehrenamtlichen zu entlasten oder Kontakt zu Geflüchteten und neuen Mentoren herzustellen. Im Rahmen des Projekts "Landungsbrücken für Geflüchtete" wurden drei Organisationsmodelle genauer untersucht und extern evaluiert. Projektleiterin Lena Blum berichtete in folgendem Interview von Chancen und Gelingensbedingungen der jeweiligen Ansätze.


Patenschaftsprojekte verfolgen meist sehr ähnliche Oberziele: Den Geflüchteten soll das Ankommen und die Integration erleichtert und somit ihre gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten gestärkt werden. Zudem soll ein Brückenschlag zwischen der Aufnahmegesellschaft und ihren neuen Mitgliedern geschaffen werden.  Durch die interkulturelle Begegnung sollen Werte vermittelt, Ressentiments vorgebeugt und somit ein Beitrag zu einer pluralistischen Gesellschaft geleistet werden.

Neben den Oberzielen verfolgen Patenprojekte sehr konkrete Zielsetzungen und Inhalte:

  • Förderung des Spracherwerbs
  • Unternehmung gemeinsamer Freizeitaktivitäten
  • Erschließung des Sozialraums
  • Begleitung bei Arztbesuchen und Behördengängen
  • Förderung der schulischen Laufbahn / Inklusion
  • Berufsorientierung
  • Hilfe bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche

Viele Patenprojekte verzichten auf eine festgelegte inhaltliche Ausrichtung und reagieren innerhalb der Patenschaften flexibel auf die Bedarfe der Geflüchtete – weshalb sie letztlich mehrere der genannten Zielsetzungen vereinen. Daneben gibt es spezialisierte Projekte, wie Mentoringprogramme zur Berufsorientierung oder Freizeitpatenschaften.


Patenprojekte werden sehr unterschiedlich koordiniert und die Aufbaustrukturen unterscheiden sich zum Teil deutlich. Blickt man auf die Projektlandschaft, kristallisieren sich drei verschiedene Koordinationsformen heraus:

 

Das Ein-Ebenen-Modell

Beim Ein-Ebenen-Modell übernimmt eine Person die Koordinationsrolle, die gleichzeitig innerhalb des Projekts selbst Patin oder Pate ist. Insbesondere in ehrenamtlich koordinierten Patenmodellen, die aus den stadteilbezogenen Initiativen der Flüchtlingshilfe hervorgegangen sind, ist das Ein-Ebenen-Modell verbreitet. Dieses Modell kann folgende Vor- und Nachteile mit sich bringen:

  • Die Koordination sammelt selbst Erfahrungswissen als Patin oder Pate und weiß daher um die Themen und Probleme in den Patenschaften.
  • Die Koordination ist Teil des Teams und steht den Patenschaften sehr nah.
  • Die fehlende Hierarchie entspricht häufig der Organisationskultur und den Wünschen der Freiwilligen.
  • Die Doppelrolle kann zur Überlastung und Überforderung führen. Bei wachsenden Projekten übernehmen daher oft mehrere Ehrenamtliche die Koordinationsaufgaben.
  • Die Doppelrolle kann in der Patenschaftsbegleitung zu Rollenkonflikten sowie zu fehlender fachlicher Distanz führen und den neutralen Blick von außen erschweren.
  • Durch die Doppelfunktion fällt es schwerer, sich von nicht geeigneten Patinnen oder Paten zu verabschieden oder diesen abzusagen.
  • In manchen Fällen ist die Koordination nicht als AnsprechpartnerIn sichtbar.

 

Das Zwei-Ebenen-Modell

Beim Zwei-Ebenen-Modell gibt es eine Koordinationsebene, die aus einer oder mehreren Personen bestehen kann, die selbst nicht als Pate oder Patin aktiv sind. Die zweite Ebene stellen die Patenschaftstandems dar. Vor- und Nachteile dieses Modells sind wie folgt:

  • Das Zwei-Ebenen-Model führt zu einer größeren Rollenklarheit, da die Kompetenzen eindeutig zugeordnet sind.
  • Dies kann zu einer höheren Sicherheit unter den Projektbeteiligten beitragen.
  • Die Koordinationsebene ist zudem nach innen und außen als klarer Ansprechpartner erkennbar.
  • Bei fachlich unerfahrenen KoordinatorInnen besteht die Gefahr, dass sie über einen zu geringen Erfahrungsschatz verfügen, um die Patenschaften gut begleiten und beraten zu können.

 

Das Drei-Ebenen-Modell

Beim Drei-Ebenen-Modell übernimmt die Koordination klassische Projektmanagementaufgaben wie das Fundraising, die Öffentlichkeitsarbeit oder die Veranstaltungsplanung. Die zweite Ebene kümmert sich um die Vermittlung: Die AnsprechpartnerInnen verknüpfen die Freiwilligen und Geflüchteten. Sie führen die Auswahl, das Matching und die Patenschaftsbegleitung durch. Die dritte Ebene bilden die Tandems. Folgende Vor- und Nachteile kennzeichnen das Modell:

  • Die stärkere Aufgabenteilung trägt zur Entlastung der Koordination bei.
  • Da die Vermittlungsebene zumeist aus einem ehrenamtlichen Team besteht, können Entscheidungen nach einem Mehr-Augen-Prinzip getroffen werden und diese gemeinsam getragen werden. In Konfliktfällen oder bei der Ablehnung von Interessierten sind die einzelnen Teammitglieder dadurch weniger angreifbar.

Wichtig: Um eine reibungslosen Ablauf zwischen den beiden oberen Ebenen sicher zu stellen, ist in diesem Modell eine klare Zuschreibung von Kompetenzen und Zuständigkeiten sinnvoll.


In der Flüchtlingshilfe wird allzu gerne über die Bedarfe der Geflüchteten gesprochen, ohne dass diese als ExpertInnen ihrer eigenen Lebenswelt einbezogen werden. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Einbindung von Menschen mit Fluchterfahrung sowohl in die Projektkoordination als auch im Rahmen der Projektentwicklung gewinnbringend ist.

Einbindung in der Projektentwicklung
Welche Bedarfe haben Geflüchtete? Welche Angebote sind sinnvoll und zielführend? Welchen Mehrwert können Patenschaften erzielen? Es liegt nahe, dass gerade Geflüchtete wichtige Einschätzungen zu diesen Fragen geben können. Die Einbindung von Geflüchteten kann eine bedarfsgerechte Ausrichtung des Projekts befördern.

Die Studie "Wie gelingt Integration?" des Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, in der Asylsuchende zu ihren Teilhabeperspektiven befragt wurden, liefert hilfreiche empirische Befunde aus Sicht der Zielgruppe.

Einbindung in die Projektkoordination
Einige wenige Patenprojekte haben bereits Geflüchtete in die Projektkoordination eingebunden. Im Patenprojekt des Sozialdienstes katholischer Frauen Hamburg e.V. (SKF e.V.) teilen sich eine Deutsche und zwei Syrer die Koordinationsaufgaben.
Im Rahmen der der Projektevaluation von „Landungsbrücken für Geflüchtete“ hat Evaluator Dr. Hajo Sassenscheidt diesen methodischen Ansatz untersucht. Im folgenden Interview erläutert er Vorteile und Gelingensbedingungen der Arbeit mit so genannten „Kontaktflüchtlingen“.