Interview mit Dr. Hajo Sassenscheidt


Dr. Hajo Sassenscheidt, Evaluator von „Landungsbrücken für Geflüchtete“

Vorteile, Wirkungen und Gelingensbedingungen bei der Arbeit mit „Kontaktflüchtlingen“

Sie haben im Rahmen der Evaluation von "Landungsbrücken für Geflüchtete" verschiedene Patenschaftsmodelle untersucht, u.a. das Patenprojekt des Sozialdienst katholischer Frauen e.V. (SKF), die mit so genannten "Kontaktflüchtlingen" arbeiten. Wie arbeiten die Projektleitung und die „Kontaktflüchtlinge“ zusammen? Wer übernimmt welche Aufgaben?

Hajo Sassenscheidt: Die Projektleitung kümmert sich um die Patenakquise. Dabei wird sie unterstützt von Frauen aus dem Vorstand des Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) und auch von PatInnen, die im Bekanntenkreis nach Interessenten suchen.

Die Auswahl der PatInnen erfolgt mit Gespräch und Fragebogen. Dabei werden besondere Interessen beachtet, etwa ob jemand mit einer Familie oder lieber mit Einzelnen arbeiten möchte. 

Die „Kontaktflüchtlinge“ stellen dann die Verbindung zu interessierten Geflüchteten her. Sie informieren über das Projekt und berücksichtigen Erwartungen und Interessen beider Seiten.

Dazu gehört auch, dass die Sprachkenntnisse der Mentees ein Mentoring möglich machen.

Das Kennenlernen findet auf einem von der Koordinatorin organisierten Treffen statt, bei dem die beiden „Kontaktflüchtlinge“ übersetzen und moderieren. Bewährt hat sich das Format „open kitchen“: Ein „Sich Beschnuppern“ beim gemeinsamen Kochen.

Die weitere Betreuung der PatInnen ist Aufgabe der deutschen Koordinatorin. Das geht per E-mail oder im Gespräch und wird vor allem als Angebot für Beratung und Kontakt gestaltet.

Bei Konflikten – beispielsweise verursacht durch das unterschiedliche Frauenbild in deutscher und Herkunftskultur –  helfen die „Kontaktflüchtlinge“ vor allem als Kulturvermittler.

Zwischen Koordinatorin und „Kontaktflüchtlingen“ gibt es viel Austausch. Dabei findet eher beiläufig, gleichwohl nachhaltig interkulturelles Lernen statt, unterstützt durch Reflexions- und Lernbereitschaft sowie offene Kommunikation.

Welche Vorteile hat der Einsatz von Kontaktflüchtlingen bei Akquise, Matching, Vorbereitung und Begleitung der Tandempartner?

Hajo Sassenscheidt: Sprache und kulturelle Herkunft ermöglichen den „Kontaktflüchtlingen“ einen direkteren und persönlichen Bezug in die Unterkünfte. Das könnte eine deutsche Kontaktperson so nicht leisten.

Es ist von Beginn an eine vertrauensbildende Maßnahme:

  • für die Geflüchteten: Da kommt jemand, der kennt unsere Herkunft und Kultur.
  • für die PatInnen: Sie verlassen sich darauf, dass sie mit Mentees zusammengeführt werden, mit denen sie klarkommen. Oft ist der Hinweis, dass Kontaktflüchtlinge am Matching beteiligt sind, ausschlaggebend für die Übernahme einer Patenschaft.

Ein besonderer Vorteil bei der Arbeit mit „Kontaktflüchtlingen“ ist, dass sie sowohl eine sprachliche als auch – was noch viel zentraler ist – eine kulturelle Dolmetscherfunktion übernehmen.

Welche Rahmenbedingungen scheinen für diesen methodischen Ansatz hilfreich?  Und wie sollte ein Team aufgestellt sein, das mit solch einem Ansatz arbeiten wollen?

Hajo Sassenscheidt: Bewährt haben sich…

Eigenschaften, Merkmale und Haltungen bei Projektverantwortlichen, PatInnen und „Kontaktflüchtlingen“

  • Hohe intrinsische Motivation und Leidenschaft für die Sache
  • Neugierde und Offenheit für neue Ideen
  • Geschicklichkeit im Umgang mit Widersprüchen („Ambiguitätstoleranz“)
  • Wertschätzung individueller Unterschiede im Kontext kultureller Vielfalt
  • zunehmender Anteil von PatInnen mit Migrationshintergrund
  • berufsbedingtes Spezialwissen von häufig akademisch qualifizierten PatInnen

für eine „Karriere als Kontaktflüchtling“

  • selber Erfahrungen als Flüchtlingshelfer im Herkunftsland, dann als Geflüchteter in Deutschland
  • vorsichtiges, kleinschrittiges Hineinwachsen in die neue Aufgabe, unterstütztes Herantasten
  • vertraut werden nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern vor allem den aus der Herkunftskultur nicht gewohnten Kommunikationsformaten

im Team

  • gleiche Visionen und Werte
  • offene und keine Tabus vermeidende Kommunikation
  • hohes Maß an Selbstreflexion und interkultureller Kompetenz

Strukturell

  • Balance zwischen „Planung/Verbindlichkeit“ und „situativ-pragmatisch, prozesshaft-flexibel“
  • Beziehungsqualität vor Organisations- und Projektqualität
  • der Direktkontakt der Kontaktflüchtlinge in die Unterkünfte
  • Einbettung in eine Groß-Organisation SKF, Bistum)
  • Vernetzung mit anderen Einrichtungen

 

Was war für sie das überraschendste Ergebnis Ihrer Untersuchung bei diesem methodischen Ansatz?

Hajo Sassenscheidt: Es wirkte auf den ersten Blick so zufällig zustande gekommen.

Es waren offensichtlich die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Eine gemeinsame Vision entwickelte sich und wurde handlungsleitend, die Gedanken entstanden „beim Gehen“, zwischen den Akteuren „stimmte die Chemie“.

So konnte sich jenseits der strengen Regeln eines professionellen Projektmanagements ein wirksames Format entwickeln.