Wie wirken Patenschaften mit Geflüchteten?

Geflüchtete Menschen in Deutschland sehen sich nach ihrer Ankunft vielfältigen Herausforderungen gegenüber: Sie müssen die deutsche Sprache lernen, Fragen rund um Asyl und Aufenthalt klären, eine Wohnung und Zugang zu Ausbildung und Arbeit finden. Und all das in einer ihnen zunächst fremden Umgebung mit neuen kulturellen Besonderheiten.

Eine Patenschaft mit einem Ehrenamtlichen oder einer Ehrenamtlichen kann hier eine hilfreiche Unterstützung bieten, um das Ankommen zu erleichtern und persönliche Kontakte zu knüpfen. Obwohl sich die Geflüchteten in einer Situation befinden, in der sie auf Hilfen und Informationen angewiesen sind, stehen Patenschaften unter dem Credo „Hilfe zur Selbsthilfe“. Es wird ein Kontakt auf Augenhöhe angestrebt, bei dem sich beide Seiten als Lernende begreifen und die persönliche Beziehung im Vordergrund steht.

Für die Freiwilligen bietet eine Patenschaft die Chance, persönliche Kontakte zu geflüchteten Menschen aufzubauen und Einblicke in die Situation in den Herkunftsländern zu erlangen. Meistens entstehen aus Patenschaften freundschaftliche oder gar familiäre Bindungen.

Patenschaften entfalten jedoch auch eine gesellschaftliche Wirkung über die jeweilige Patenschaft hinaus: Sie tragen zum gegenseitigen Verständnis bei und verstärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Patentandems des Programms "Menschen stärken Menschen" (c) Kirsten Haarmann

Auf folgenden Ebenen lassen sich Wirkungen von Patenschaften mit Geflüchteten feststellen:

Gewinn für Geflüchtete

  • Sprache: Im Gespräch mit dem Tandempartner oder der Tandempartnerin werden Deutschkenntnisse angewandt und verbessert.
  • Soziale Kontakte: Es werden persönliche Kontakte außerhalb des Fluchtkontextes ermöglicht, z.B. über gemeinsame Freizeitaktivitäten. Das soziale Netzwerk wird erweitert und durch Freundschaften zu Einheimischen kann das Gefühl von Zugehörigkeit wachsen.
  • Interkultureller Austausch: Eine Patenschaft ermöglicht Geflüchteten Einblicke in den Alltag in Deutschland und seine kulturellen Besonderheiten. Sie gibt Geflüchteten aber auch den Raum, die Kultur ihres Herkunftslandes zu vermitteln und darüber zu erzählen.
  • Unterstützung im Alltag: Geflüchtete werden durch die Begleitung bei Behörden- und Arztbesuchen oder bei der Wohnungssuche unterstützt.
  • Kulturelle und soziale Teilhabe: Zugänge zu lokalen Angeboten des Sozialraums werden erleichtert (Vereine, stadtteilbezogene Hilfen, etc.). Patenschaften tragen zur Orientierung in der neuen Umgebung bei.
  • Berufsorientierung: Geflüchtete erhalten Unterstützung bei der Suche nach einem Betreuungs-, Ausbildungs-, Praktikumsplatz oder der Arbeitssuche.
  • Bildung: Jüngere Geflüchtete werden beim Erreichen des Schulabschlusses gefördert, z.B. durch Hausaufgabenhilfe.

Gewinn für Freiwillige

  • Persönliche Beziehungen: Freiwillige schätzen vor allem den menschlichen persönlichen Kontakt und erfahren dies als Bereicherung in ihrem Leben.
  • Interkultureller Austausch: Die Freiwilligen erhalten Einblicke in das Leben der Herkunftsländer der geflüchteten Menschen und profitieren von einer interkulturellen Erfahrung und einem Perspektivwechsel.
  • Gesellschaftliches Engagement: Die Freiwilligen erleben Selbstwirksamkeit und das Gefühl, die Gesellschaft in ihrem persönlichen Umfeld mitgestalten zu können.

Gesellschaftlicher Gewinn

  • Austausch: Patenschaften bauen Brücken zwischen geflüchteten Menschen und der einheimischen Bevölkerung.
  • Integration: Patenschaften leisten einen Beitrag zur Integration der Geflüchteten in Deutschland und tragen zur gesellschaftlichen Teilhabe von Geflüchteten bei.
  • Zivilgesellschaft: Sie fördern durch die vielfältigen persönlichen Beziehungen und den Austausch auf Augenhöhe das gegenseitige Verständnis zwischen Geflüchteten und Einheimischen und unterstützen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das bürgerschaftliche Engagement bereichert und stabilisiert die Zivilgesellschaft.
  • Vorbildcharakter: Patenschaften regen zum eigenen Engagement für andere an.

32.000 Patenschaften (Stand Juni 2017) wurden seit  Anfang 2016 allein über das Bundesprogramm "Menschen stärken" Menschen" des Bundesfamilienministeriums gestiftet, von niedrigschwelliger Alltagsbegleitung bis hin zu Bildungsmentorenschaften zur Sicherung von Schulabschlüssen. Die Wirkungsanalyse des Patenprogramms macht die vielfältigen Effekte deutlich. "Die Ergebnisse zeigen, dass durch unser Patenschaftsprogramm zivilgesellschaftliches Engagement insgesamt gestärkt wird.", fasst Familienministerin Katharina Barley zusammen. "Ich finde es großartig, dass die überwältigende Mehrheit der Befragten angibt, dass sich aus ihrer Patenschaft eine Freundschaft zu einem geflüchteten Menschen entwickelt hat."

Damit Patenprojekte ihre volle Wirkung entfalten können, sollten bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Neben einem guten Projektmanagement sind hier besondere methodische Aspekte von Bedeutung. Eine zum Projekt passende Akquise (Gewinnung), Auswahl, Vorbereitung und Begleitung der Ehrenamtlichen und Geflüchteten tragen dazu maßgeblich bei. Ebenso wichtig sind die passende Verknüpfung (Matching) und die Verabschiedung der Tandems.

Zusätzlich finden Sie hier eine exemplarische Literaturliste zu Patenschaften und Mentoring.